Header von beutelpost.de - Beutelpost - Christoph schreibt aus Australien

Oh mann, seit dem letzten Post sind tatsächlich schon wieder vier Monate vergangen! Unglaublich, dass wir es schon wieder so haben schleifen lassen (Ich fange den Artikel jetzt schon zum vierten Mal neu an!). Damals waren wir kurz vor Melbourne, jetzt haben wir es schon zum zweiten Mal wieder hinter uns gelassen.
Aber der Reihe nach…

Zum ersten Mal in Melbourne angekommen fuhren wir zu Wes und Marion – Christophs Gasteltern aus 2012.
Wir hatten uns per E-Mail vorher angekündigt und Tom, der jüngste Sohn, öffnete uns die Tür. Nach einem freudigen Empfang brachten wir unsere ganzen Sachen in ein freies Zimmer und machten uns auf den Weg zu Travellers Autobarn, um den Wagen abzugeben.

Anschließend begaben wir uns per Tram und U-Bahn ins Stadtzentrum und verbrachten die verblieben Stunden des Tages damit, dass Christoph mir schon mal ein paar Ecken Melbournes zeigte. Dabei waren natürlich die Flinders Street Station und die Block Arcade, zwei tolle Überbleibsel aus Melbournes ersten Tagen. Außerdem besuchten wir die State Libary, eine riesige Bibliothek mit einem unglaublich coolen Lesesaal!

Der La Trobe Lesesaal der State Library Victoria

So ging der Rest des Tages ziemlich schnell vorbei und mit ein paar leckeren jam donuts als Proviant machten wir uns auf den Rückweg in die Yendon Road.
Dort trafen wir auch endlich den Rest der Brenchflower-Familie, also Wes und Marion, die Töchter Isabel und Mikie und sogar Christoph sah ein Familienmitglied zum ersten Mal: Max, der während Christophs Austauschjahres in Japan war.

Nach dem Abendessen (wir wurden sogar bekocht!), bei dem wir von unseren bisherigen Erlebnissen erzählten, richteten wir uns in unserem Zimmer ein. Wes brachte noch eine Matratze herunter, die gerade so vor das Bett im Zimmer und halb unter einen Schreibtisch passte – jetzt kam man zwar nicht mehr so einfach durch die Tür, aber immerhin hatte jeder von uns eine Schlafmöglichkeit ;)

Die nächsten Tage und Wochen beschäftigen wir uns damit, nach Autos zu suchen und schauten uns nach Jobs um, wenn auch eher halbherzig – der Plan war, ein Auto zu finden und abzudüsen.
Auch eine kostenlose, sehr interessante Stadtführung passte in unseren Zeitplan, bei der wir einige auch für Christoph neue Ecken Melbournes entdeckten.

Einer der ersten Stops der Tour war das Royal Exhibition Building, das 1880 für die in Melbourne stattfindende Weltaustellung gebaut wurde

Nach langem Durchsuchen von Gumtree – DIE Kleinanzeigen-Website Australiens – und ein paar Autobesichtigungen fanden wir endlich das passende Auto: einen Nissan Patrol 4×4 aus dem Jahr 1989 mit knapp 298.000 km auf dem Buckel und einem super Equipment (unter anderem eine Zweitbatterie mit allem nötigen Zubehör zum Einbau, ein elektrischer Kühlschrank, Fenstertönfolien und quasi sämtliche Kochutensilien), den wir für 3200$ ergatterten.

Unser erstes eigenes Auto im "Rohzustand"

Am nächsten Tag begaben wir uns auf unsere erste richtige Fahrt: Wir gingen auf Sperrmüllsuche. Ja, ihr habt richtig gelesen. Wir fuhren jede Nebenstraße in der Gegend ab, um nach Möbeln aus Holz zu suchen, die sich zu einem Bett im Heck des Autos verarbeiten ließen. Denn wir hatten keinen Bock auf unseren zukünftigen Roadtrips ständig ein Zelt aufbauen zu müssen und auf den Sitzen zu schlafen hatten wir spätestens seit unserer Tour nach Melbourne als unbequem eingestuft.

Es dauerte gar nicht mal so lange bis wir gefunden hatten, was wir brauchten und bald begannen wir mit Wes Hilfe den Bau unseres Bettes.

Die fertige Bettkonstruktion

Dann stand das Grauen eines jeden Backpackers mit eigenem Auto vor der Tür: die Inspektion fürs Roadworthy Certificate. Das australische Pendant zum TÜV in Deutschland muss nämlich nicht nur einmal jährlich zur Verlängerung der Registration bestanden werden, sondern auch, wenn man das Auto ummelden will.
Der Vorbesitzer hatte zwar vor wenigen Monaten eine solche Inspektion durchführen lassen, jedoch war das Zertifikat leider schon wieder ausgelaufen. Da die Überprüfung aber positiv verlaufen war, dachten wir uns, dass die Wiederholung kein wirklich schlechteres Ergebnis liefern sollte.

Ein paar Tage später warteten wir gespannt auf das Resultat. Schon der Anruf des Mechanikers ließ uns mit einem unguten Gefühl zurück – wir sollten “am besten mal vorbeikommen, um mit ihm über unser Auto zu sprechen”.

Also fuhren wir mit Wes zur Werkstatt und bekamen – mit der Rechnung über 210$ – eine Liste der Teile des Autos, die nicht straßentauglich waren.
Einziger Trost war, dass Wes meinte, er könne mit uns die Reparaturen vornehmen, wodurch wir nicht für die Arbeitsstunden eines Mechanikers (die einen ganz schön hohen Stundenlohn beziehen) zahlen mussten.

Unser nächster Halt war also “Patrolapart”, ein Laden, der speziell Patrol-Ersatzteile im Sortiment hat.

Man wird es kaum glauben, aber das hier hat uns geschlagene 346$ gekostet!

Die nächsten Tage verbrachten wir damit, am Auto zu arbeiten, wenn Wes von der Arbeit kam. Einen Vorteil hatte das Ganze zumindest: Wir lernten einiges über Autos :)

 

Unter anderem musste die Zylinderkopfdeckeldichtung ausgetauscht werden

Die zweite Inspektion (die uns weitere 80$ kostete) erbrachte uns zum Glück das erhoffte Roadworthy Certificate und wir machten uns auf zur Meldestelle. Endlich konnten wir das Auto ummelden und die Registration verlängern! Naja, wäre da nicht dieser EINE Bankautomat in ganz Melbourne gewesen, der unsere Karten der Deutschen Bank nicht akzeptierte wodurch wir die 750$ für die Verlängerung nicht abheben konnten – da kommt Freude auf!
Wenigstens konnten wir den Wagen ummelden, nachdem Christoph noch einen dritten Adressnachweis bei der Bank geholt hatte.

Als wir es endlich geschafft hatten, unser Auto umzumelden, stand unserem ersten Roadtrip mit eigenem Auto fast nichts mehr im Wege – wir hatten nur noch ein kleines Platzproblem.
Das Auto war, wie oben schon erwähnt, mit ziemlich viel Kram gekommen und wir wollten versuchen so viel wie möglich mitzunehmen (man weiß ja nie, wann man so etwas noch einmal gebrauchen könnte…).

Da wir auch unseren Benzinkanister nicht im Auto haben wollten, waren wir fest entschlossen, ein roof rack (einen Dachgepäckträger) auf den Patrol zu montieren. Nach längerem Suchen stießen wir auf ein richtiges Schnäppchen: Auf Gumtree gab es ein roof rack für 20$ – wenn auch ohne Füße zur Dachmontage.
Trotzdem fuhren wir die knapp 50 km durch Melbourne und wurden dadurch belohnt, dass wir sogar noch einen Benzinkanister gratis dazubekamen :)
Die Füße schweißte Wes uns aus alten Poolstangen zusammen und schon hatten wir Platz für zwei Benzinkanister, eine übergroße Kühlbox – die wir eigentlich nicht brauchten, aber später noch gewinnbringend verkaufen wollten – und allerlei Krimskrams.

Als letztes tönten wir noch die hinteren Seitenscheiben mit Folie, die unser Vorgänger gekauft, aber scheinbar nie angebracht hatte, und schnitten aus einem alten Rollo Blenden für die Fenster zurecht.

Christoph beim Anbringen der Fensterfolie

Nach einem Monat in Melbourne verabschiedeten wir uns von Brenchflowers (natürlich nicht ohne uns ausgiebig für die Hilfe beim Autoumbau und die lange Beherbergung bedankt zu haben) und begaben uns auf unseren ersten richtigen Roadtrip mit eigenem Auto.
Unser Ziel: Sydney

P.S.: Mittlerweile haben wir nach unserer Reise nach Sydney schon die Bass Strait von Melbourne nach Tasmanien überquert und heute Hobart erreicht – in den nächsten Artikeln geht es aber natürlich mit unserem Trip nach Sydney weiter ;)

Cheers, Daniel

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Nach einer kühlen Nacht lag Nebel über dem Fluss. Bis auf ein paar Vogelrufe herrschte Stille. Bis die Sonne gänzlich aufgegangen war, musste die schwache Flamme des Gaskochers als einzige Wärmequelle dienen…

Der Murrumbidgee River dampft

Uns war das egal. Wir hatten gut geschlafen, ein gutes Frühstück mit netter Aussicht vor uns und über FM-Transmitter dudelte im Autoradio unsere Frühstücksmusik ohne das übliche Gelaber von Moderatoren oder Werbesprechern dazwischen (das hier in Australien deutlich ausgeprägter und nerviger ist).

Die Frühstückssachen waren schnell wieder verstaut und ab gings zurück auf den Highway. Unser heutiges Zwischenziel: Albury, die Grenzstadt schlechthin. Sie liegt nämlich am Murray River, der den größten Teil der Grenze zwischen New South Wales (NSW) und Victoria bildet.

Viel mehr wussten wir über Albury noch nicht, außer dass der Bahnhof ziemlich schön sein sollte; doch bevor wir uns dem Sightseeing widmen konnten, standen noch ein Besuch bei K-Mart auf dem Plan, da unser Gas für den Kocher zur Neige gegangen war. Anschließend fuhren wir zum Bahnhof und parkten direkt vor dem Haupteingang.

Der Bahnhof hielt, was die Gerüchte versprachen: Schon von außen bot der symmetrische, in italienischem Stil gehaltene Bau einen prächtigen Anblick mit seinen zahlreichen aber nicht zu übertriebenen Verzierungen und dem Uhrenturm in der Mitte.

Im Februar 1882 erföffnet, erfüllte der Bahnhof lange Jahre eine wichtige Funktion. Die Albury Railway Station war nicht nur der letzte Halt in New South Wales an der Great Southern Railways line (die Zugstrecke Strecke, die Sydney und Melbourne verbindet), sondern auch wichtiger Umstiegspunkt, da hier die Normalspurstrecke aus NSW und die Breitspurstrecke aus Victoria aufeinandertrafen.
Zur damaligen Zeit waren NSW und Victoria noch voneinander unabhängige Kolonien, die sich in einem stetigen wirtschaftlichen Wettstreit befanden.
Als man beschloss, die Kolonien durch Bahnstrecken zu verbinden, endeten die Bahnstrecken noch vor der Grenze in Albury und Wondonga, dem victorianischen Pendant.
Schließlich wurde 1883 die Melbourne-Wondonga-Linie bis nach Albury verlängert, wodurch Albury zu eben jenem wichtigen Umstiegs- und Warenumschlagsplatz wurde – ein Sieg für New South Wales.

1962 wurde dann auch in Victoria das Normalspursystem eingeführt, was die Albury Railway Station zum Durchgangsbahnhof werden ließ. Ab 2008 verschwand auch die als eine Art Museumsbahn weitergeführte Breitspurstrecke gänzlich. Was jedoch blieb, ist der über 450 Meter lange Bahnsteig – einer der längsten Australiens.

Auch hier hat der Architekt nicht mit Verzierungen gespart und eine schöne Bahnsteigüberdachung geschaffen. Die Innenräume des Bahnhofs sehen noch genauso aus wie früher mit hohen Decken und sogar einem Kamin.

Die Wartehalle

Unschlüssig, ob wir den restlichen Tag in Albury verbringen oder schon weiterfahren sollten, ließen wir uns in der Touristinformation (die sich zum Glück gleich neben dem Bahnhof in der ehemaligen Residenz des Bahnhofaufsehers befindet) über die Highlights der Stadt beraten. Dort empfahl man uns den historischen Stadtrundgang, dessen Route man in Eigenregie verfolgen und Informationen zu den noch stehenden Gebäuden aus der Anfangzeit Alburys in einem Heftchen nachlesen könne.

Dies ist zum Beispiel das Post Office von Albury. Ein etwas weniger schickes Gebäude wurde 1861 als Telegraphenstation errichtet, bis es 1879 durch diesen Neubau im "Victorian Free Classical" Stil ersetzt wurde. Es beinhaltete neben der Poststube weitere sechs Räume, beherbergte den Postmeister samt Familie und es gab natürlich Ställe für die Postpferde. Das Eintreffen der Postkutsche (damals etwas Besonderes) wurde durch Glockenläuten verkündet, unter anderem daher der Uhrturm.

Das "Beehive Building" erhält seinen Namen durch die Fensterbögen, die etwas wie Bienenkörbe aussehen. Es wurde zwischen den 1850ern bis in die 1880er errichtet und beherbergte in seiner Geschichte verschiedenste Geschäfte.

Eine Besonderheit: Die Ampeln in Alburys CBD sind so geschaltet, dass alle Fußgänger gleichzeitig Grün haben, wodurch man auch diagonal die Straße überqueren kann - sehr praktisch!

 

Nach der 1½-stündigen Tour fuhren wir für eine Mittagspause mit unserem Auto zu einer Stelle am Murray River, die uns auch in Touriinfo empfohlen wurde. Wir fanden einen netten Park mit stadteigenem Pizzaofen, öffentlichen BBQs und einigen Tischen vor.
Ein paar Meter weiter ging es runter zum Fluss mit Ausblick nach Victoria. Wir schossen schnell ein paar Fotos, entschieden uns aber dagegen, schwimmend die Grenze zu überqueren (so kurz nach dem Essen… ;) ).
Stattdessen begaben wir uns zurück zum Auto und auf den Weg zu unserem letzten Übernachtungsplatz auf dieser Tour.

Diesseits des Murrays ist New South Wales, dort drüben Victoria!

Über teilweise kleinere Straßen und eine nette Allee, vorbei an Feldern und Weiden erreichten wir den Rastplatz Taungurung in der Nähe von Seymour im Hellen und aßen sogar unser Dinner (es gab das kulinarische Highlight des Trips, Lachsnudeln!) noch vor Einbruch der Dunkelheit! Es liegt also ein erfolgreicher Tag hinter uns und mit dem Anbruch der Nacht neigt sich unser erster Roadtrip langsam seinem Ende entgegen, denn nach Melbourne, wo wir morgen unser Auto abgeben müssen, sind es von hier aus nur noch wenige Stunden.

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Als wir am nächsten Morgen aufwachten war es eisekalt, wirklich! Nur um die 3 Grad. Unser heutiges Tagesziel Canberra liegt in einer der kältesten Regionen Australiens, die weite Entfernung vom Meer macht sich bemerkbar, und ebenso die Höhe…

Die kleine nette Rest Area, die wir uns diese Nacht ausgesucht hatten

Die Einfallstraße in die Hauptstadt ist groß und breit, und schon Kilometer vorher wird groß das Visitor Centre ausgeschildert. Diesen folgten wir zielstrebig, denn laut WikiCamps sollte man in den dortigen Waschräumen auch eine Dusche finden, die wir natürlich gerne nutzten. Kostenlos FTW! :D

Kühe links und freie Fahrt - da fühlt man sich fast wie auf der A29! :D

Auf dem Gelände der Australian National University trafen wir uns mit Lewis, einem Studenten, der vor zwei Jahren mit Christoph auf’s Elwood College ging und nun hier in Canberra studiert. Er wollte uns ein bisschen durch die Stadt führen und nahm uns gleich mit Richtung Parlamentsgebäude, das prominent auf (oder besser im?) Capital Hill das Zentrum der Stadt bildet. Wir parkten direkt unter dem Parlament und stiegen die Treppen zum Eingang hinauf.

Ja, die haben eine Tiefgarage unter ihrem wichtigsten politischen Gebäude! Was schon irgendwie absurd ist, wenn man bedenkt, dass das Terror Threat Level erst ein paar Wochen zuvor von medium auf high erhöht worden war...

Canberra wurde bei der Federation 1901 zur Hauptstadt gemacht, da sich Sydney (als erste Kolonie überhaupt) und Melbourne (damals größer, reicher und wichtiger) um diese Ehre stritten und man es eben weder den einen noch den anderen recht machen wollte. Canberra lag in New South Wales, aber dennoch weit genug von Sydney weg, also baute man dort, auf der grünen Wiese, eine am Reißbrett entworfene Hauptstadt.

Bis sie fertig war, dauerte es allerdings noch 26 Jahre (währenddessen tagte das Parlament dann doch in Melbourne, ätsch Sydney! :P ), bis das Parlament in ein vorläufiges Gebäude in Canberra umziehen konnte. Der “vorläufige” Status hielt für sechs Jahrzehnte an, bis man es anlässlich des 200. Jahrestages der ersten europäischen Besiedelung Australiens im Jahr 1988 endlich fertig brachte, das “richtige, echte” Parlament auf dem Capital Hill fertigzustellen.

Schick und imposant sieht es ja schon aus, vor allem mit der riesigen Flagge auf dem Dach

Beide kann man besichtigen, der Eintritt ist kostenlos, sehr löblich. ;) Wir hatten das Glück, dass nur wenige Minuten nach unserer Ankunft sogar eine geführte Tour losging, der wir uns kurzerhand anschlossen.

Mit diesem Anblick wird man innen empfangen, marmorne Säulen in einer großen Halle. Staatstragend! *badummtss*

Die Führung startete in der Great Hall, einer riesigen Halle, die für Festakte sowohl politischer als auch öffentlicher und privater Art (z.B. Hochzeiten) genutzt wird und in der eine 20m breite und 9m hohe Tapisserie (also ein Bild aus Stoff) hängt, dessen Vorlage ein Ölgemälde des Künstlers Arthur Boyd ist. Zu sehen ist ein Wald in New South Wales, dessen Bäume den in der Halle verwendeten Hölzern entsprechen. Es soll einen Eindruck der australischen Landschaft vermitteln und jeder, der durch den von der Tapisserie eingerähmten Südeingang der Halle geht, soll sich fühlen, als würde er durch diese Landschaft wandern.

Anschließend besuchten wir die Sitzungssäle des House of Representatives und des Senates. Das House of Representatives ist quasi der Bundestag Australiens. Einige Ähnlichkeiten bestanden, so zum Beispiel die Besuchertribünen, von denen man wie in Deutschland den Parlamentssitzungen zusehen kann. Außerdem sitzt der Speaker of the House of Representatives, das Pendant zum Bundestagspräsidenten, auch vor dem Parlament an erhöhter Position und es gibt genau geregelte Redezeiten.

Ansonsten unterscheiden sich das australische und das deutsche Parlament deutlich. Die Mitglieder sitzen nicht nach politischer Gesinnung verteilt und es gibt auch keine wirkliche Regierungsbank. In der Mitte, direkt vor dem Pult des Parlamentssprechers, steht ein Tisch mit insgesamt vier Stühlen – auf der rechten Seite (immer vom Parlamentssprecher aus gesehen) sitzen der Prime Minister und sein Stellvertreter, direkt gegenüber der Oppositonsführer und dessen Stellvertreter. Auf den Bänken dahinter sitzen die Parlamentsmitglieder (MPs) der Regierugspartei/-koalition bzw. der Oppositionspartei(en). Regierung und Opposition sitzen sich hier also direkt gegenüber.
Gegenüber des Parlamentssprechers befinden sich noch mehrere halbkreisförmige Sitzreihen, auf denen die crossbencher Platz finden, also jene MPs, die weder zur Regierung noch zur (Haupt-)Opposition gehören.

Leider waren wir ausgerechnet am Wochenende gekommen, sodass wir keiner Parlamentssitzung zusehen konnten…

Wir beide im Herzen der australischen Demokratie!

Der Senat sieht wie eine Kopie des Repräsentantenhauses aus, nur in Rottönen anstatt in Grüntönen gehalten. Zudem befindet sich hinter dem Stuhl des Senatsprechers ein weiter Sitz: Hier nimmt die Queen persönlich platz, wenn sie das Parlament besucht – was bisher noch nie vorgekommen ist. Ihr ständiger Stellvertreter für Australien, der Governor-General, besucht den Senat jedoch öfter mal und nutzt dann diesen Thron (er wohnt ja auch in Canberra und somit ein bisschen näher als die Queen ;) )

Übrigens wacht auch hier das Staatswappen über die Parlamentarier; dabei interessant: Der Emu und das Känguru schauen sich nicht wie üblich gegenseitig an, sondern richten ihre Blicke wachend auf das Parlament und seine Mitglieder.

Auch draußen am Gebäude gibt es ein großes Wappen

Innen dominieren Holz, helle Farben und viel Licht den Bau, der sehr modern anmutet und seinem edlen Anspruch gerecht wird.

Dies ist der Blick vom "Dach" (d.h. höchsten Punkt des Hügels). Man erkennt die Symmetrie der Stadt, die alle Achsen auf den Capital Hill zulaufen lässt. Und man erkennt außerdem: Es gibt hier viiiiel Platz ;)

Dann gingen wir zum alten Parlamentsgebäude und es wurde klar, warum man unbedingt ein neues brauchte: Das alte ist krass klein, die Büros winzig und dennoch mit mehreren Leuten belegt. Man kann durch alle damaligen Räume hindurchspazieren, auch das Arbeitszimmer des Premierministers! Früher schien die Politik noch sorgenloser zu sein als heutzutage, denn das Büro liegt an der Außenfassade des Gebäudes und der Premier sitzt mit dem Rücken zum Fenster, unter dem eine ganz normale Straße entlang führt…

Das alte House of Representatives. Die Ähnlichkeit ist unverkennbar, aber die neue Variante ist definitiv geräumiger!

Hier saßen über sechzig Jahre lang die australischen Premierminister, um ihre Amtsgeschäfte zu führen

Das ganze Parlamentsgebäude ist so eingerichtet, als seien die Politiker, Journalisten und sonstigen Mitarbeiter gestern erst ausgezogen, sodass man ein Gefühl für das politische Leben Canberras vor der Fertigstellung des neuen Gebäudes bekommt. Hier ein typisches Büro... Klein? Ja, aber es ging auch schlimmer: Die meisten MPs hatten nur ein Schließfach in ihrem Sitz als "Büro" und mehr nicht...

Als nächstes stiegen wir wieder ins Auto und fuhren einige Minuten aus der Innenstadt hinaus zur Royal Australian Mint, der australischen Münzprägestätte. Auch hier kann man kostenlos eine Tour mitmachen, wobei uns leider auch hier aufgrund des Sonntags die Action entging: Die Maschinen standen still.

Der große Container unten links enthält einen Millionenbetrag - in Fünf-Cent-Münzen

Dennoch ist die australische Münzgeschichte außerordentlich interessant: Die ersten Sträflinge brauchten kein Geld, denn damals konnte man einfach zum Government Store gehen und bekam, was man brauchte. Doch schon bald erwuchs der Bedarf einer Währung und man ließ englische Pfund nach Australien verschiffen. Das Problem: England hatte damals eigentlich selbst schon zu wenig Münzen, wodurch Australien an einer notorischen Geldknappheit litt. Diese wurde noch dadurch verschlimmert, dass die Schiffe, die das Land mit allem versorgten, was nicht lokal hergestellt werden konnte, natürlich wiederum bezahlt werden wollten und so Münze um Münze wieder das Land verließ.

Irgendwann ließ man dann eine Ladung spanischer Münzen kommen und bediente sich eines eher unkonventionellen Tricks: Man stanzte aus jeder Münze die Mitte hinaus, und traf so zwei Fliegen mit einer Klappe: Man erhielt jeweils zwei Münzen zum Preis von einer und erreichte zudem, dass diese außerhalb des Landes quasi wertlos waren, womit sie für die Importschiffe uninteressant wurden und nur noch innerhalb Australiens zirkulierten.

Unsere letzte Station sollte das Australian War Memorial sein. Ich (Christoph) erwartete so etwas wie den Shrine of Remembrance in Melbourne, doch die Institution entpuppte sich zunächst als ein riesiges Militärmuseum. Die Ausstellung war zum einen höchst interessant, zum anderen jedoch auch ein bisschen befremdlich, da die Taten der australischen Streitkräfte hier nahezu uneingeschränkt glorifiziert werden. In einer Ausstellung zum Zweiten Weltkrieg wird zum Beispiel ausführlich dargelegt, unter welcher von Flaks ausgehender Todesgefahr australische Piloten Bombenangriffe auf Deutschland flogen, das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung unter der zumindest fraglichen Härte der alliierten Bombardierung wird jedoch nur seeeehr am Rande erwähnt.

Zu dieser Haltung passt, dass hier – im Nationalen Kriegsdenkmal Australiens! – fast schon triumphmäßig die große Namensplakette der Möhnetalsperre ausgestellt ist, die 1943 von Bombern stark beschädigt wurde und deren Überlaufen zum Tod tausender Menschen führte…

Am Ende fanden wir dann doch noch den Gedenkbereich, der in der Tat ganz nett gestaltet ist. Ein Innenhof mit Wasserbecken und akkurat geschnittenen Pflanzen bietet erstaunliche Ruhe, in der man zum Nachdenken kommt. In den Mauern finden sich alle Einsatzorte der australischen Einheiten eingraviert und entlang einer laaangen Wand sind alle gefallenen Soldaten aufgelistet. Beeindruckend – aus Deutschland kennen wir derartige Gedenkstätten ja nicht wirklich, denn wir sind ja ausschließlich mit Hinterfragen beschäftigt…

Dann hatten wir auch schon an die sieben Stunden in Canberra verbracht – wenn wir ausnahmsweise mal im Hellen an unserem Übernachtungsplatz ankommen wollten, mussten wir uns nun ziemlich beeilen ;) Wir mussten noch Lewis wieder absetzen, unseren Wagen auftanken, neues Eis für unsere Esky-Kühlbox besorgen… Und deswegen unser Tagesziel mal wieder korrigieren ;) Jetzt hieß unser Stop Gundagai, ein Kleinstädtchen im südlichen New South Wales.

Dort kamen wir bei langsam einsetzender Dunkelheit an; der Platz ist im Prinzip nur eine große Wiese, aber frisch gemäht und direkt am Fluss, sehr ruhig, ein schöner Spot! Also warfen wir gleich den Gaskocher an und bereiten uns nun Nudeln mit Tomatensoße zu — jaaaa, sehr anspruchsvoll, aber keine Angst, wir haben noch ne Dose Lachs in petto, das heißt es wird die Tage noch ein bisschen “edler” ;)

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